Verfasst von: burmeister | 19. September 2010

Eine Riesenchance, ein bedeutsamer Beitrag zum Thema „Schulentwicklung“

Vorbereitend zu unserer Veranstaltung am Dienstag habe ich mit der Leiterin der Grundschule Jesteburg Jeanette Saxer (rechts im Bild) und mit der bisherigen Schulelternratsvorsitzenden Snezana Maak gesprochen.

Frau Saxer, Jesteburg hat diesmal eine sehr konkrete Chance, ein neues Schulmodell zu etablieren – wir denken an die einstimmige Kreisschulausschuss-Entscheidung, das Jesteburger Modell von der Landesschulbehörde in Hannover zu prüfen und die Kosten der Realisierung zu ermitteln.

Ein neues Schulmodell zu entwickeln ist für Sie persönlich und Ihr Kollegium sicher spannend, ist aber auch für Sie alle eine zeitliche und inhaltliche Herausforderung. Weshalb wollen Sie sich auf diesen Schritt einlassen?

Jeanette Saxer: Wir Grundschullehrkräfte begleiten die Schülerinnen und Schüler in der Regel kontinuierlich über einen Zeitraum von vier (!) Jahren mit dem Ziel, die Kinder am Ende des 4. Schuljahres bestmöglich für den Übergang auf die weiterführenden Schulen vorbereitet zu haben. Wir verabschieden die Kinder mit sehr „gemischten“ Gedanken und Gefühlen. Häufig bedauern wir es, sie genau zu diesem Zeitpunkt „abgeben“ zu müssen … zum Einen würden wir genau an dieser Stelle sehr gerne mit den „gereiften“ Kindern weiterarbeiten, zum Anderen haben wir mitunter auch berechtigte Sorge, ob dieser Wechsel grundsätzlich  für jedes Kind einhergehen kann  mit seiner positiven Weiterentwicklung.


An einem Konzept für eine Schule mitarbeiten zu können, die den „Bruch“ nach Klasse 4  ausschaltet, da an die pädagogische Arbeit der ersten vier Schuljahre in der Sekundarstufe I direkt angeschlossen und diese fortgeführt wird, ist – meiner Meinung nach – eine Riesenchance, einen bedeutsamen Beitrag zum Thema „Schulentwicklung“ leisten zu können. An diesem Punkt würde sich dann die Frage stellen, inwieweit sich ein pädagogisches Konzept von Klasse 1-10 auswirkt auf die späteren Schulabschlüsse der Kinder. Hier ist die wissenschaftliche Begleitung der Leuphana auch von Bedeutung.

Längeres gemeinsames Lernen ist im Landkreis Harburg ein neuer für viele Eltern erfahrungssprengender Bildungsweg. Und diesen Weg bietet das Jesteburger Modell an. Manche Eltern fragen deshalb, inwieweit das gemeinsame Lernen vor Ort auch nach der vierten Klasse die richtige Entscheidung für ihr Kind sein kann. Was sagen Sie einem so besorgten Elternpaar?

Jeanette Saxer: Ich empfinde die Eltern im Landkreis Harburg überwiegend als sehr interessierte und engagierte Eltern in „Schule“, insofern gehe ich davon aus, dass sich gerade in den letzten zwei Jahren sehr viele Eltern mit dem Thema „längeres gemeinsames Lernen“ beschäftigt haben … und für mich ist ein Umdenken in den Köpfen der Eltern seit einiger Zeit bereits spürbar. (Die hohe Anmeldezahl ganz aktuell an der IGS Buchholz unterstützt diesen Eindruck!).

Insofern gehe ich davon aus, dass der Weg, den das Jesteburger Modell bieten würde, für viele Eltern durchaus „vorstellbar“ für ihr Kind ist, wenngleich es ein „erfahrungssprengender“ Bildungsweg wäre.

„Besorgte“ Eltern würde ich zunächst einfach erst einmal um ihr Vertrauen bitten – das ist die Grundlage jeglicher Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. „Schaden“ kann die Modellschule- meiner Meinung nach – keinem Kind.

Es wird vermutlich keine Sorgen oder Befürchtungen auf Seiten der Elternschaft geben, deren Kind nach Klasse 4 eine Hauptschulempfehlung bekommt. Wenige besorgte Eltern wird es vermutlich auch bei den realschulempfohlenen Kindern  geben. Die Befürchtungen gibt es hauptsächlich sicherlich auf Seiten der Eltern, deren Kinder eine eindeutige gymnasiale Empfehlung erhalten. Und dieser Elternschaft würde ich sagen: Ihr Kind erhält von uns eine gymnasiale Empfehlung – und mit großer Wahrscheinlichkeit wird ihr Kind demnach das Abitur machen – wir werden ihr Kind auf dem Weg dorthin begleiten!

Frau Maak, Sie haben sich im Elternrates der Grundschule engagiert, kennen die Schule und das Kollegium recht gut. Ihr Sohn ist 9 Jahre alt. Für ihn käme ein Besuch des Jesteburger Modells in Frage. Was werden Sie tun?

Snezana Maak: Wir haben uns im Elternrat für das Modell ausgesprochen und unterstützen es. Wir wollen die Schule vor Ort haben. Persönlich habe ich meinem Sohn versprochen dass er in Jesteburg zu Schule weiter gehen darf … Verspochen ist versprochen und wird nicht gebrochen! Also sagen Sie wo ich noch „anpacken“ soll, dann tue ich das!!!

Frau Saxer, ’Lesende Schule’ ist ein Profilaspekt Ihrer Grundschule. ‚Lesende Schule’ kann auch Profilaspekt im Jesteburger Modell werden. Inwieweit sehen Sie in der kontinuierlichen Weiterentwicklung der ‚Lesekompetenz’ und der ‚Lesemotivation’ eine besondere Aufgabe für Schule?

Jeanette Saxer: „Lesen-Können“, d.h. einem Text seinen Sinn entnehmen zu können, ist die grundlegende Basis-Kompetenz für jegliches Lernen in der Schule. Wir beginnen damit in Klasse 1, indem das „Lesenlernen“ von Anfang an in den Zusammenhang mit Sinnentnahme gesetzt wird. Der Leselernprozess wird also auch ganz zu Anfang nicht auf das „Zusammenschleifen“ von Lauten reduziert.

Frau Saxer, die Leuphana Universität will sich konstruktiv in die Entwicklung des Jesteburger Modells einbringen. Welche Chancen verbinden Sie damit?

Jeanette Saxer: Eine Chance habe ich bereits formuliert, nämlich die der wissenschaftlichen Begleitung in Hinblick auf die Erreichung der Schulabschlüsse.

Wir haben an der GS Jesteburg meistens 2, mitunter 3 Lehramtsanwärter im Kollegium, pflegen einen sehr intensiven und interessierten Austausch mit dem Ausbildungsseminar in Buchholz, besonders in Hinblick auf Unterrichtsentwicklung. An der GS Jesteburg arbeiten 2 Lehrerinnen, die als Seminarleiterinnen auch für das Studienseminar in Buchholz tätig und somit für die 2. Ausbildungsphase von Lehrkräften verantwortlich sind. Die Modellschule würde die Chance eröffnen, die 1. (universitäre) und 2.(Studienseminar+Schulpraxis) Ausbildungsphase enger zusammen zu bringen, was vermutlich positive Aspekte für die Qualitätsentwicklung in der Lehrerausbildung bringen würde. Die Schule bekäme die Gelegenheit durch den direkten Kontakt und Austausch mit Lehramtsstudenten, die ihre Praktika an der Jesteburger Schule absolvieren würden, am „Nabel der Zeit“ in Hinblick auf aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen der Lehrerbildung sein zu können. Dies würde sich extrem positiv auf die Weiterentwicklung von Unterricht in unserer Schule auswirken und somit ein wichtiger Bestandteil von Qualitätsentwicklung und -sicherung der Schule sein.

Die Jesteburger Grundschule hat Erfahrung mit gemeinsamen und jahrgangsübergreifenden Unterricht. Wie werden Sie den Kindern mit ihren unterschiedlichen Haltungen und Begabungsschwerpunkten gerecht – Stichwort: das leistungsstarke hoch motivierte Kind? Gelingt dies auch im  heterogenen Unterricht in der Sekundarstufe?

Jeanette Saxer: Natürlich gelingt dies auch in der Sekundarstufe, es geht ja darum, den Unterricht zu individualisieren.Wenn ein Kind aus dem 3. Jahrgang bereits in der Lage ist, sich z.B. mit Lernstoff aus dem 4. Jahrgang zu beschäftigen, dann kann er das in der jahrgangsübergreifenden Klasse tun. Ein starker, motivierter Schüler in Klasse 6 kann sich vergleichbar z.B. in Deutsch mit einem Thema, was laut Lehrplan erst in Klasse 7 vorgesehen ist, auseinandersetzen. Sich ein solches individuelles Arbeiten der Schüler vorzustellen ist sehr schwierig, wenn man dies innerhalb unserer herkömmlichen Vorstellung von einer Unterrichtsstunde tut. Diese normale „Unterrichtsstunde“ wird es dann natürlich nicht mehr geben können. Der Unterricht bekommt ein ganz anderes Gesicht, d.h. er läuft auf/in anderen Strukturen, wird anders organisiert. Den „Unterricht im Klassenraum“ wird es so nicht mehr geben, es gibt vielmehr Arbeitszeiten in unterschiedlichen „Lernbüros“.

Frau Saxer, Frau Maak: Wenn das JESTEBURGER MODELL Wirklichkeit wird: Welchen persönlichen Wunsch werden Sie dem Modell zum Gelingen mit auf den Weg geben?

Snezana Maak: Zufriedene, glückliche, kompetente kleine und große Menschen!

Jeanette Saxer: Ich wünsche dem Modell, dass es zu jeder Zeit Menschen an seiner Seite hat, die für die Idee „JESTEBURGER MODELL“ brennen und ihre individuellen Kompetenzen zusammenbringen mit dem Ziel „eine richtig gute Schule“ für unsere Kinder zu machen!

Frau Saxer, Frau Maak, vielen Dank für das Gespräch!

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